Immisitzung 2016 bekehrt nicht nur Terroristen, sie gibt uns den Karneval zurück!


Sieben Tage nach #koelnhbf feiert die Immisitzung Premiere. Eigentlich hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Andererseits doch: Viele "Ausländer" auf der Bühne – im Stollwerk in Köln. Meist "deutsche" Karnevalisten – im Publikum. Der Höhepunkt des Karnevals steht an – und nicht nur Medien befürchten, dass sich dieVorkommnisse wiederholen. Und nicht zuletzt: Was sagen unsere kölschen Immis aus aller Welt von der Immisitzung zu #koelnhbf? Sollten sie überhaupt etwas sagen? Sollten wir erwarten, dass sie etwas sagen – oder ist das nicht zuviel verlangt, denn wir sind doch alle nur Menschen. Lädt man die Bedeutung des Karnevals nicht zu sehr auf, wenn er nun auch noch „Stellung beziehen“ soll?

Immisitzung 2016 ImmiMim1

 

Man muss diese Fragen nicht beantworten, aber die Immisitzung tut es - und dies in mehrfacher Hinsicht. Einerseits direkt verbal: Sichtlich bewegt trägt Immisitzungs-Präsidentin Myriam Chebabi im zweiten Teil nach der Pause vor, was wir am 7. Januar über die brutalen Überfälle auf Frauen in der Silvesternacht wissen: Zwar nicht, wer die Täter waren, welcher nationalen Identität sie angehören und ob sie mit Flüchtlingen zu tun haben. Wir wissen: „Es waren testosterongesteuerte Arschlöcher“, die keinerlei Anspruch auf Toleranz haben und in den Knast gehören. Keinen Anspruch auf Toleranz haben auch Rechtsextremisten, „welche die Situation nun ausnutzen“. Und die Schlussfolgerung, die sicherlich auch Wunsch ist: „Wir Frauen lassen uns von solchen Idioten nicht einschüchtern!“ Direkt im Anschluss singt Präsidentin „Immimimi“ frei nach Trude Herr: „Ich will keinen blöden Nazi, ich will lieber einen Mann!“ und setzt fort, was bis dahin so wunderbar geklappt hat: Zusammen Karneval feiern, zu lachen und sich lustig zu machen über kleine und große Missgeschicke des Zusammenlebens der Jecken, denn schließlich ist „jeder Jeck von woanders“.

 

Immisitzung 2016 Flüchtlingsankunft Köln

Großes Thema der Immisitzung dieses Jahr: Die „Flüchtlingswelle“, gleich zu Anfang wird unter Mithilfe des Publikums ein Schlauchboot mit (Puppen-)Flüchtlingen quer durch den Saal auf die Bühne getragen, Motto: „Wir schaffen das“. Später wird gesungen „Nimm doch das Boot, sei kein Idiot, ins Flüchtlingsheim wirst du gebracht, dort wird ein Feuer für dich entfacht“. Die beiden Klappmaulpuppen, der „Dicke“ und der „Franzose“ fragen an anderer Stelle: „Welcher Teil Europas nimmt die meisten Flüchtlinge auf?“ Zynische Antwort: „Das Mittelmeer“.

Fast 50 Programmpunkte zählt die diesjährige Immisitzung, immer kurz und knapp verpackt, so dass in den 3,5 Stunden gar keine Langeweile aufkommen kann. Natürlich geht es auch um die Schwierigkeiten der deutschen Sprache (sehr lustig die türkische Variante: „Isch bin Rudolfplatz“), um kulturelle Unterschiede (hübsch: wer zahlt im Restaurant, wenn es sich um deutsche Gäste handelt, wer, wenn die Runde hauptsächlich aus Griechen besteht?) - doch immer wieder stechen einzelne Nummern großartig hervor: Jupp Schmitz aus Köln ist scheinbar zum IS übergetreten und heißt nun „Ali Allemallachen“ und plant mit den Terroristen den „Zoch“ nach Damaskus. „Hummer“ sind als Zugfahrzeuge etwas zu schnell und 40 Kamel(l)e viel zu wenig...

Falls Erdogan und Putin auch noch Egosurfer sein sollten, sei es hier erwähnt: Natürlich kommen auch sie in der Immisitzung vor und sind nicht vergessen: Selda Akhan zitiert Erdogan: „Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ wenn es sich um Türken in Deutschland handelt – sind es Kurden in der Türkei, ist dies wohl nicht so gemeint. Wobei die Frage ist, wo in Deutschland „assimiliert“ wird.

Immisitzung 2016 - Putin

Putin wird hingegen in bester „Rosa von Praunheim“-Manier geoutet und Medwedew erfährt zu seinem Leidwesen durch einen schwulen Dolmetscher (stark: Simeon Long), dass der Dolmetscher und Putin in der Taiga nicht nur Pferde geritten sind...

Dabei schafft die Immisitzung in dieser Session für unseren Geschmack eine perfekte Balance zwischen derben Witz und charmantem Humor – natürlich ist der Nubbel schuld am Operndesaster, und Klüngel verschwimmt, wenn man Kölsch trinkt. Sehr schön dargestellt werden zwei Südstadtmütter (Victoria Riccio und Evgenia Tarutin), die sich sicherlich auch am Prenzlauer Berg wohlfühlen würden: Sehr fürsorglich stillen sie auch noch ihre 5 und 7 Jahre alten Kinder. Und nicht nur das...

Als Sängerin sticht wieder Victoria Riccio hervor, während die Hausband eine gute internationale Begleitung bietet.

Besonderes schön dieses Jahr sind die Kostüme, die offenbar mit viel Liebe angefertigt wurden. Am lustigsten war aber ausgerechnet Pferd und Esel von Don Quichote und Sancho Pansa, wobei insbesondere Myriam Chebabi als Sancho Pansa den Esel besonders effektiv einsetzt.

Doch das Wunderbare an der diesjährigen Immisitzung sind nicht nur die gelungenen künstlerischen Darbietungen, die von einem tollen Ensemble dargeboten werden – schön ist gerade jetzt das starke Zeichen der Gemeinsamkeit, welches gesetzt wird. Dieser Karneval nach #koelnhbf wird von uns nicht aus Ignoranz gefeiert – er wird gefeiert, weil er zu unserer Kultur gehört, weil wir zusammen schöne Momente erleben wollen, weil wir zusammen gehören und weil wir aufeinander aufpassen. Danke, Immisitzung - Ihr habt uns den Karneval wieder gegeben!

Es gibt (Stand 8. Januar) noch Karten

Immisitzung 2016

 

Text/Fotos: ms/ms - 9. Januar 2016