„Wir machen die Scheiße für Euch nicht zum Spass!“

 

31 Jahre, schön anzusehen, schön anzuhören und vor allem schön gesellschaftskritisch: die Stunksitzung in der Session 2014/2015!


Nehmen wir an, jemand kennt "Satire" nur aus dem "normalen" Fernsehen - dann weiß dieser arme Mensch erst nach dem Besuch der 31. Stunksitzung, was Satire ist. Wenn er aber die Stunksitzung von früher kennt und die aktuelle Aufführung mit den Sitzungen aus den Vorjahren vergleicht – dann weiß er zwar, was Satire ist, ist aber auch verwöhnt und „vermisst“ z. B. Kardinal Meissner. Wer hätte das gedacht.
 

Doch keine Angst: Als "Kunde" im Publikum wird man auch dieses Jahr von den Stunkern massiv verwöhnt (ja, unsere Ansprüche wachsen...): Von der hohen Politik über Kölner Lokalkolorit, Emanzipation, Kirche, Religion, technologischer Fortschritt - kein Thema wird ausgespart und des öfteren werden sie auch vermischt: "Was ist ein Salafist zwischen zwei Frauen? - Eine Bildungslücke".

Eines stellt die bestens aufgelegte Präsidentin Biggi Wanniger aber gleich zu Anfang klar: "Die Stunksitzung ist Helene-Fischer-freie Zone! Wer sich 'atemlos durch die Nacht' wünscht, stirbt!" Logik oder Drohung? Egal, das Premierenpublikum hat verstanden und wünscht sich Zugaben nur von der auch dieses Jahr besten kölschen Kombo "Köbes Underground".

Köbes Underground Stunksitzung 2014/2015 

Köbes Underground in einer anderen Liga

Nichts gegen andere kölsche Bands - doch was Köbes Underground traditionell leistet, ist auch dieses Jahr wieder in einer anderen Liga:

"Eifel is jut" zu Manfred Mann "I came for you" ist schon super und sei "nur" als Beispiel für viele tolle Kompositionen und Überleitungen genannt - doch der intonierte

Stunksitzung 2014/2015 Flaschensammler

Flaschensammlerstreik der Gewerkschaft "Leerdi" zu selbstgebauten Musikinstrumenten aus Bierkästen und Flaschen ist choreografisch sensationell und musikalisch ein einmaliger Ohrenschmaus. Die Vorlage lieferte Michael Jackson mit "They don't care about us", doch auch Nicht-Jackson-Fans werden ihre hellste Freude daran haben – nach unserem Geschmack jedenfalls die beste Nummer des Abends.

 

Stunksitzung 2014/2015 FIFA

 

 

Auch Biggi Wanniger gibt als "Calli" eine wunderschöne, lustige und bissige Intonation von Elvis "Fever" umbenannt zu "Fifa": Calli singt "Fuck the Fifa, Fifa is ne Drecksverein". Wenn Stunker nur Weltfußballverband hören, kriegen sie die Blattern...


 

Stunksitzung choreographisch stark

Neben der Musik ist die wahre Stärke der Stunker in diesem Jahr die Choreographie: Wunderschön, wie die Umweltverschmutzung durch Plastiktüten in einem ästhetischen Bühnenbild dargestellt wird, fast könnte man sich in Plastik verlieben und die Geburt einer neuen Spezies (den Tütenmenschen) nicht bedauern, sondern begrüßen. Insbesondere im Sketch "Wischen" (statt "Vision") kommt dies zum Tragen: Die Vermischung von virtual und real-Life wird szenisch hervorragend umgesetzt. Hingegen sind Vokabeln wie "Fatzebook" und die Verwunderung über "Siri" nicht mehr ganz (satire-)zeitgemäß. Aber vielleicht ist dies eine Generationsfrage.

Stunksitzung 2014/2015 Muell_01Stunksitzung 2014/2015 Muell 02

 

Guter Satireschwerpunkt: Gesellschaftskritik

Stunksitzung 2014/2015 - Champions League der Parteien

Die kirchliche und die politische Satire müssen etwas zurückstecken, Kardinal Meissner ist als Quelle ganz, die hohe Politik teilweise ausgefallen: So reichen mittlerweile KMH und Olli Kahn, begleitet von Sabine Töpperwien, um die Mannschaftsaufstellungen der Parteien zu kommentieren: Hannelore Kraft z. B. ist für eine hohe Wechselsumme der CDU beigetreten und man könnte nun auch mit einer "Doppelmutti" spielen. Anne Rixmann, Doris Dietzold und Hans Kieseier sind dabei die besseren Originale...

Während lokale politische Probleme es nur begrenzt ins Programm schafften („...früher konnten Obdachlose noch gefahrlos unter Brücken schlafen“; „in unserem Veedel is jrad nix frei, Flüchtlinge müssen ins Gewerbegebiet“), kommt Gesellschaftskritik in dieser Session bei den Stunkern richtig zum tragen: Ob man nun Vegetarier "veräppelt" ("Woran erkennt man einen Vegetarier? - Er wird es dir sagen") oder Helikoptereltern auf die Schippe nimmt (Kinder brauchen beim Sport keinen Helm - "wenn ein Kind früher einen Helm aufhatte, war es beim Volkssturm!) - hier sind in der Session 2014/2015 die Satire-Stärken der Stunksitzung.

Und bei aller Kritik - Stunker lieben Köln, oder wie es Biggi Wanniger alias Calli ausdrückt:

"Dat am Breslauer Platz, dat war doch nicht Kölle: Wenn die Hooligans den Salafisten Barbarei vorwerfen, dann is dat so, als wenn ich dem Ottfried Fischer vorwerfe, er ist zu dick"

Genau!

Vermutlich könnten die Stunker 75 Sitzungen geben und wären ausverkauft - so sind es "nur" 48 in dieser Session und natürlich sind alle Karten längst vergeben. Chancen hat man vielleicht noch über die "Last Minute Börse"  oder über eine Kartentauschbörse.

 

18. Dezember 2014   (Text: ms / Fotos: dk)